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Vollgas

12 January 2022, 3 Comments
Topics: Weather

…gab das Wetter am Mittwoch über Nordeuropa. Zwischen Island und Norwegen etablierte sich ein bemerkenswert starker Jetstream mit Windgeschwindigkeiten über 300 km/h und der Zufuhr sehr feuchter Luft bis zum Skandinavischen Gebirge. Über Südosteuropa wirbelte ein kräftiges Tiefdruckgebiet, die Schweiz lag genau dazwischen in einer winterlichen Hochdruckwetterlage.

Airmass-Satellitenbild und Strömung (Windfieder) in etwa 9 Kilometer Höhe am Mittwochmittag, 12.01.2022. Die Schweiz liegt am Südostrand eines mächtigen Hochdruckgebiets. An dessen Nordflanke ist der starke Jetstream gut an den weissen Windfiedern zu erkennen. Über Südnorwegen und Schottland hat sich stromab der Gebirge dichte Leebewölkung gebildet.
Airmass-Satellitenbild und Strömung (Windfieder) in etwa 9 Kilometer Höhe am Mittwochmittag, 12.01.2022. Die Schweiz liegt am Südostrand eines mächtigen Hochdruckgebiets. An dessen Nordflanke ist der starke Jetstream gut an den weissen Windfiedern zu erkennen. Über Südnorwegen und Schottland hat sich stromab der Gebirge dichte Leebewölkung gebildet.

Hochdruckwetter

Über der Schweiz hat sich der Hochdruckeinfluss bis heute Mittwoch nochmals verstärkt. Bereits am Vormittag stieg der Luftdruck in der Nordschweiz und in den kalten Alpentälern über 1040 hPa. Da nördlich von uns noch etwas höherer Luftdruck herrschte, stellte sich gestern wie heute entsprechend dem Luftdruckgefälle auf der Alpennordseite eine Bisenlage, auf der Alpensüdseite eine föhnig entlastete Nordlage ein.

Enlargement: Bodenanalyse vom Mittwochmorgen, 12.01.2022, 07 Uhr. Quelle: Deutscher Wetterdienst (DWD)
Bodenanalyse vom Mittwochmorgen, 12.01.2022, 07 Uhr. Quelle: Deutscher Wetterdienst (DWD)

In den höheren Luftschichten konnte das kräftige Hochdruckgebiet die Luftmasse gut abtrocknen und etwas erwärmen. Dementsprechend sonnig und klar war das Wetter in den Bergen. Die hohen Wolkenfelder einer schwachen Okklusion aus Norden störten den schönen Wettercharakter kaum. Dagegen hielt sich in der Grundschicht noch Restfeuchtigkeit, die sich unterhalb der Temperaturinversion vor allem am Vormittag gebietsweise in Hochnebelfeldern manifestierte.

Enlargement: Sichtbarer Kanal des Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2 am Mittwochvormittag, 12.01.2022 über der Zentral- und Ostschweiz. Gut zu sehen die grösseren Seen oder schneefreien/wolkenarmen Regionen als dunkle Flächen. Quelle: www.sentinel-hub.com
Sichtbarer Kanal des Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2 am Mittwochvormittag, 12.01.2022 über der Zentral- und Ostschweiz. Gut zu sehen die grösseren Seen oder schneefreien/wolkenarmen Regionen als dunkle Flächen. Quelle: www.sentinel-hub.com

Winterliches Temperaturniveau

In der herangeführten Kaltluft sind die derzeitigen Temperaturen einer hochwinterlichen Wetterlage im Januar würdig. Die Tageshöchsttemperatur liegt meist um oder nur wenig über dem Gefrierpunkt. Mancherorts treten auch Eistage auf, also Tage mit einer Temperatur ganztags unter 0 Grad, gestern Dienstag mit Dauernebel sogar im sonst doch eher Temperatur verwöhnten Basel-Binningen mit einem Maximum von -0.1 Grad.

Enlargement: Am Mittwochvormittag in Starkenbach SG. Bild: M. Kopp
Am Mittwochvormittag in Starkenbach SG. Bild: M. Kopp

Die Nacht auf Mittwoch war beidseits der Alpen verbreitet frostig kalt. Vor allem abseits der Hochnebelfelder konnte die Polarluft unter klarem Himmel in windgeschützten, höheren Tal- und Muldenlagen besonders gut auskühlen. So gab es in Buffalora am Ofenpass -23.9 Grad. Noch kälter wurde es in Andermatt mit -24.3 Grad (Saisonminimum für den Standort) und in La Brévine mit -26.8 Grad (ebenfalls Saisonminimum). Genau vor 35 Jahren wurde hier am 12.01.1987 mit -42.5 Grad der absolute Kälterekord aufgestellt.

Enlargement: Frostige Stimmung in La Brévine am Mittwochmorgen, 12.01.2022. Passend zum Wetter mit Temperaturen jenseits der -25 Grad würde sich das angedeutete Gmüesgärtli im rechten Vordergrund wohl am ehesten zum Anbau von Eisbergsalat oder anderen frostharten Gemüsesorten eignen. Bild: tailleres.roundshot.com
Frostige Stimmung in La Brévine am Mittwochmorgen, 12.01.2022. Passend zum Wetter mit Temperaturen jenseits der -25 Grad würde sich das angedeutete Gmüesgärtli im rechten Vordergrund wohl am ehesten zum Anbau von Eisbergsalat oder anderen frostharten Gemüsesorten eignen. Bild: tailleres.roundshot.com

Viel los um uns herum

Während die Schweiz derzeit am Südostrand des umfangreichen Hochdruckgebiets in eher ruhigeren Gefilden liegt, wird das Hoch nördlich und südöstlich von deutlich turbulenterem Wetter flankiert.

Starker Jetstream

Vollgas gab die Wettermaschine zwischen Island und Norwegen, wo sich ein - selbst für die Jahreszeit - markanter Jetstream entwickelte. Er glich grosse horizontale Temperaturgegensätze zwischen dem Nordmeer und subtropischen Atlantik aus und erreichte in seinem Maximum (Jetstreak) in etwa 9 Kilometer Höhe Windgeschwindigkeiten von deutlich über 300 km/h, nach der Vorhersage des europäischen IFS-Modells sogar knapp 400 km/h. Solch hohe Windgeschwindigkeiten in Polarfrontjets kommen nicht allzu häufig vor und sind bemerkenswert, aber nicht rekordverdächtig. Um das Jahr 1970 wurden über Japan schon einmal Jetstream-Maxima bis 650 km/h beobachtet.

Enlargement: Vorhersage des europäischen IFS-Modells für Mittwoch, 12.01.2022, 13 Uhr. Eingefärbt die Windgeschwindigkeit, Zahlenwerte in km/h.
Vorhersage des europäischen IFS-Modells für Mittwoch, 12.01.2022, 13 Uhr. Eingefärbt die Windgeschwindigkeit, Zahlenwerte in km/h.

Unter dem Jetstream und entlang der Flanken des Hochs wird in weitem Bogen ausgesprochen feuchte und milde Luft bis nach Norwegen geführt. Dieser «atmospheric river» (atmosphärischer Fluss) an Starkregen trächtiger Subtropikluft wird an der Barriere des Skandinavischen Gebirges bis zum Donnerstag intensive Stauregenfälle verursachen.

Enlargement: Niederschlagssummen Mittwoch und Donnerstag nach dem europäischen IFS-Modell mit Mengen bis zu 200 mm.
Niederschlagssummen Mittwoch und Donnerstag nach dem europäischen IFS-Modell mit Mengen bis zu 200 mm.

Gewittertief und Bora

Südöstlich des umfangreichen Hochdruckgebiets zog bereits gestern Dienstag ein Gewittertief über Südosteuropa seine Kreise. Es entstand durch einen bis zum Bosporus und Griechenland reichenden Kaltluftvorstoss über Osteuropa. Über dem warmen Mittelmeer wurde die Luftmasse labilisiert und es konnten sich zahlreiche Schauer und Gewitter bilden. Zuvor sorgte die nachströmende Kaltluft für Schneefälle bis zur Ostküste Italiens (z.B. Region Rimini). Und typisch für solche Kaltluftvorstösse über dem Balkan war auch die Bora, ein katabatischer (herunterfliessender), ablandiger Fallwind an der nördlichen Adriaküste, wenn die Kaltluft vom Binnenland über das Dinarische Gebirge hinab in Richtung Mittelmeer stürzt. So gab es gestern im kroatischen Sibenik Spitzenböen von 115 km/h, in Rijeka Orkanböen von 122 km/h.

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Comments (3)

  1. Wolfgang, 13.01.2022, 00:19

    Von wegen es gibt keinen kalten Winter mehr…

    1. Ricaardo, 13.01.2022, 09:22

      Der Winter verläuft bis jetzt absolut normal (im Vergleich zur Referenzperiode). Weder zu kalt noch zu mild. Und La Brévine hat jeder Jahr Minima unter -20....

  2. Ursula Herrmann, 12.01.2022, 20:42

    Vielen Dank für den sehr informativen Beitrag. Sehr lustig fand ich die Bemerkung über den Eisbergsalat 🥬🌞 wahrscheinlich wörtlich gemeint, Eisstückchen mit einer Sauce aus Schmelzwasser 🤭😉