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Tiefdruckparade

6 January 2022, 8 Comments
Topics: Weather

Ein aussergewöhnlich kräftiges Tief lag heute Donnerstag über dem Nordatlantik. Nachdem sich tagsüber das Wetter in der Schweiz langsam beruhigte, geht es in den nächsten Tagen auch bei uns tiefdruckbestimmt und abwechslungsreich weiter.

Infrarot-Satellitenbild vom Donnerstagmorgen, 06.01.2022 um 07 MEZ.
Infrarot-Satellitenbild vom Donnerstagmorgen, 06.01.2022 um 07 MEZ.

Grosser Sturmwirbel

Über dem Nordatlantik entwickelte sich bis zum Donnerstagmorgen ein aussergewöhnlich kräftiges und grosses Tiefdruckgebiet. Es nahm auf den Satellitenbildern eine beeindruckende Fläche ein und reichte mit seinem Wolkenschirm von Grönland über Island, Schottland und Irland bis fast zu den Azoren. Im Vergleich dazu wirkte das europäische Festland daneben fast schon klein. Auf der Rückseite des Tiefs nahm die nachrückende Kaltluft weite Teile des Nordatlantiks ein und in der labilen Polarluft entwickelte sich die typische konvektive, feingerippte Wolkenstruktur.

Beeindruckend war auch der Kerndruck des Tiefs. Er wurde am Donnerstagmorgen auf der Bodenanalyse des britischen Wetterdienstes Met Office mit 931 hPa angegeben. Solch tiefe Luftdruckwerte sind beachtlich und kommen in aussertropischen Sturmtiefs nur alle paar Jahre mal vor.

Enlargement: Bodenanalyse des britischen Wetterdienstes Met Office vom Donnerstagmorgen, 06.01.2022, 07 MEZ mit einem Kerndruck von 931 hPa.
Bodenanalyse des britischen Wetterdienstes Met Office vom Donnerstagmorgen, 06.01.2022, 07 MEZ mit einem Kerndruck von 931 hPa.

Ähnlich tiefe Minimaldrücke um 930 hPa über dem Nordatlantik erreichten am 30. Dezember 2015 das Orkantief «Eckard» und am 26. Januar 2013 das Orkantief «Jolle». Im Winter 2019/2020, der in Kontinentaleuropa eine ganze Serie von Sturmtiefs hervorbrachte, sank der Luftdruck im Zentrum von Orkantief «Victoria» am 15. Februar 2020 südlich von Island bis auf 922 hPa. Der absolut tiefste, je analysierte Kerndruck eines Tiefs über dem Nordatlantik stammt vom «Braer-Storm» am 10. Januar 1993 mit 914 hPa ebenso südlich von Island.

Zweigeteilte Alpennordseite

Bei uns in der Schweiz war das Wetter heute zweigeteilt. Die nördliche Strömung teilte sich vor den Alpen in zwei Äste auf. Damit blieb die Nord- und Ostschweiz mit West- bis Nordwestwind und feuchterer Luft länger belastet. Hier sorgte schon in der Nacht auf Donnerstag etwas Schneefall vielerorts für eine dünne Neuschneeauflage. Tagsüber zogen nochmals Schneeschauer durch und das Wetter besserte erst langsam im Laufe des Nachmittags.

Enlargement: Satellitenbild und Niederschlagsradar vom Donnerstagvormittag, 06.01.2022, 11 Uhr.
Satellitenbild und Niederschlagsradar vom Donnerstagvormittag, 06.01.2022, 11 Uhr.

Anders sah es in Richtung Berner Oberland und in der Westschweiz aus. Hier wurde die Strömung zu einer schwachen Bise umgelenkt und die Wolken lösten sich unter langsam steigendem Zwischenhocheinfluss bereits am Vormittag recht gut auf. Am sonnigsten war es in den Alpen und auf der Alpensüdseite. Hier liess der Nordföhn langsam nach, nachdem am Mittwochabend auf der 1661 Meter hohen Cimetta noch eine Spitzenböe von 120 km/h auftrat. Im Mittelland stiegen die Temperaturen der Jahreszeit entsprechend auf 1 bis 5 Grad, im Südtessin reichte es für zweistellige Höchstwerte.

Enlargement: Schneeschauer am Donnerstagvormittag am Flughafen Zürich-Kloten. Bild: D. Köbele
Schneeschauer am Donnerstagvormittag am Flughafen Zürich-Kloten. Bild: D. Köbele

Schwungvolle nächste Tage

Nach einer vorübergehend klaren und frostigen Nacht schickt uns am Freitag das oben erwähnte Tief einen Gruss und lenkt tagsüber vom Atlantik her seine okkludierte Front über die Schweiz. Dabei fällt in der eingeflossenen Polarluft etwas Schnee bis in tiefe Lagen. Danach jagt ein Tiefausläufer den nächsten: Auf Samstag ziehen weitere Schneeschauer durch, von Samstag auf Sonntag zeichnet sich eine markantere Randtiefentwicklung ab mit starkem Wind, kurzer Föhnphase in den Alpen und einigem Niederschlag bei vorübergehend ansteigender Schneefallgrenze. Dahinter folgt am Sonntag hochreichend kalte und labile Polarluft mit teils kräftigen und lokal gewittrigen Schneeregen- und Graupelschauern. Freunde ruhigen Hochdruckwetters müssen sich also bis mindestens kommenden Montag erst einmal gedulden…

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Comments (8)

  1. Wolfgang, 07.01.2022, 16:23

    Vielen Dank für das schöne Sonnenfoto mit Palmen. ☀️ Das ist hundertmal besser als die graue kalte Suppe im Norden.

  2. annelis bächtold, 07.01.2022, 07:28

    Liebes Meteo-Team,
    gestern war in Zürich der Tagesanfang zum ersten Mal diesen Winter eine Minute früher, 16 Tage nach dem vermeintlich kürzesten Tag. Warum diese Verzögerung? Hat das mit dem Horizont zu tun, oder mit der schrägen Erdachse? Überhaupt, wie und wo ziehen Sie die Linie für den Sonnensufgang? Diese Frage beschäftigt mich schon länger.
    Mit freundlichem Gruss Annelis Bächtold

    1. MeteoSwiss, 07.01.2022, 08:38

      Grüezi Frau Bächtold
      Besten Dank für Ihre Anfrage. Ihre interessante Frage zu beantworten würde auf Grund der Komplexität dieses Themas den Ramen sprengen. Deshalb verweise ich Sie auf den nachfolgenden Link. Freundliche Grüsse

      https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgleichung

  3. Urs Imhof, 06.01.2022, 22:40

    Freunde des gepflegten Schneefalls unterhalb 400 M.ü.M. müssen noch länger warten bis es endlich richtig Winter wird mit Schnee und Kälte.
    Anscheinend ist es normal das nur noch Mischfronten auftreten.
    Für mich jedenfalls ist das Thema Winter im Januar abgeschlossen.
    Warte gespannt auf den Februar 2022 ob dort noch etwas Winterstimmung aufkommt.

    1. Herbert, 07.01.2022, 08:25

      Guten Tag Herr Imhof
      Wenn Sie Information *Wenig Schnee* durchlesen, dann erfahren Sie, dass vor 30 Jahren (weiss es nicht mehr auswendig), die Nullgradgrenze vor 30 Jahren bei 500 Metern lag, momentan bei 850 Metern und mit den Klimazielen bis ins Jahr 2060 bei rund 1300 Metern liegen wird. Das sind die Aussichten. Somit wird es in Lagen von 400 Metern ab und zu Schnee geben, eine längere Schneedecke wird es nur alle 100 Jahre aufgrund extremer Wetterbedingungen geben. Bleiben Sie also gespannt was der Februar 2022 bringen wird.

  4. Ursula Herrmann, 06.01.2022, 20:52

    Vielen Dank für den interessanten, informativen und sehr sorgfältig formulierten Beitrag über dieses wirklich beeindruckende Tiefdruckphänomen über dem Atlantik.

  5. aline, 06.01.2022, 18:37

    hallo meteo team
    ein intressanter beitrag! dieser tiefdruckwirbel sieht aus wie ein hurrikan,sogar mit auge?!bei uns heisst es nicht hurrikan, hat dieser wirbel auch einen speziellen namen und wie und wo ensteht dieser?

    1. MeteoSwiss, 06.01.2022, 22:06

      Hallo Aline
      Das erwähnte Tief ist eine sog. aussertropische Zyklone mit dazugehörenden Fronten. Was wie ein Auge aussieht, ist das um das Tiefzentrum verwirbelte Wolkenband der okkludierten Front. Ein Hurrikan ist hingegen eine tropische Zyklone, welche keine Fronten besitzt. Die Uni Berlin hat das Tief Barbara I getauft.